Leichte Sprache

Bewegung bewusst erleben

Die LWL-Universitätsklinik Hamm ist die Ursprungsstätte der deutschen Psychomotorik. Die Fachtherapie basiert auf der Erkenntnis, dass Psyche und Körper eng verknüpft sind und sich gegenseitig positiv beeinflussen können.

Bild
Grafik Bewegung_LWL
© MomentDesign Photography, Denise Feige


Sport ist Sache des Körpers. Oder? Inzwischen weiß man, dass das so nicht stimmt. Es ist längst nachge­wiesen, dass Bewegung ebenso die Gesundheit der Seele fördert. Jeder aktive Mensch kennt das Gefühl der Zufriedenheit unmittelbar nach dem Sport. Der Körper „bedankt“ sich mit Endorphinen, die Psyche freut sich. Ein Erfolgserlebnis. „Die Wir­kung von Bewegung lässt sich aber nicht nur eindimensional betrachten“, erklärt Motologe Alexander Hetke, Leiter der Fachabteilung für klinische psychomotorische Therapie, kurz Psychomotorik. „Wenn Bewegung begleitet und gezielt sowie dosiert eingesetzt wird, löst sie nicht nur ein positives Gefühl aus, sondern kann so­gar Aggressionen abbauen, die Kon­zentration stärken, die Wahrnehmung fördern und die Aktivität steigern.“

„Die Wir­kung von Bewegung lässt sich aber nicht nur eindimensional betrachten.“


Bewegung fördert Selbstbewusstsein

Die LWL-Universitätsklinik Hamm hat diese Erkenntnisse in ein therapeutisches Konzept für psychisch kranke Kinder und Jugendliche überführt. Der Begriff Psychomotorik selbst betont es schon: Zwischen Befinden und Bewegung besteht ein enger Zusammenhang. Diese Verknüpfung ist in jedem Menschen angelegt. Der Körper ist von Kindesbeinen an das wichtigste Ausdrucksorgan des Menschen. Über Bewegung lernen wir das erste Mal, die Welt zu erkunden und Hindernisse zu überwinden, erleben so also auch unsere ersten Erfolge. Durch Bewe­gung baut sich das Selbstbewusstsein auf. Und das hilft im späteren Leben, selbstsicher auf andere zu- und mit Konfliktsituationen umzugehen.

Bei Menschen mit psychischen Problemen und Erkrankungen ist dieses Selbstbewusstsein oft verloren gegangen oder gestört. Um es Schritt für Schritt wieder aufzubauen, eignet sich die Psychomotorik besonders gut als Therapieform. Begleitend zu den sonstigen Therapieangeboten nehmen die Patientinnen und Patienten an diesem Bewegungsprogramm teil, überwiegend in spezifisch zusammengestellten Thera­piegruppen. Hierfür wird zum Beispiel ein Therapieraum zur einer riesigen Bewegungslandschaft umgebaut, oder es wird ein großes Luftkissen, das Airtramp, eingesetzt. Die ständig wackelnde und federnde Oberfläche animiert selbst die unmotiviertesten Kinder und Jugendlichen, sich frei zu bewegen und dadurch neue Körpererfahrungen zu sammeln.


Das Gleichgewicht finden

Mit Hilfe des Kissens kann sucht­kranken, ess- oder aufmerksamkeits­gestörten Kindern und Jugendlichen gezielt dabei geholfen werden, im wahrsten Sinne des Wortes ihr Gleich­gewicht wiederzufinden. Zum Beispiel, wenn die Luft aus dem Airtramp abgelassen wird: „Unsere Patientinnen und Patienten versuchen dann stehen zu bleiben, indem sie intuitiv die Be­wegungen ausgleichen. Der Kontakt zum eigenen Körper und die Wahr­nehmung der Lage im Raum spielen dabei eine zentrale Rolle“, erklärt der Psychomotoriker.

Bild
LWL MA
Alexander Hetke, Leiter der Fachabteilung für klinische psychomotorische Therapie, kurz Psychomotorik.
© MomentDesign Photography, Denise Feige


„Sie machen auf der weichen, nachgiebigen Oberfläche aber auch die Erfahrung, hinzufallen und loszulassen. Das kann Ängste verringern und Spannungszustände lösen. Wenn sie sich in einer Gruppe auf dem Airtramp befinden, müssen sie sich zudem achtsam bewegen und die Bedürfnisse anderer wahrnehmen, um diese nicht zu gefährden.“

„Unsere Patientinnen und Patienten versuchen dann stehen zu bleiben, indem sie intuitiv die Be¬wegungen ausgleichen. Der Kontakt zum eigenen Körper und die Wahr¬nehmung der Lage im Raum spielen dabei eine zentrale Rolle.“
Bild
LWL Gruppe
© MomentDesign Photography, Denise Feige

 


Die Bewegung wird mit Musik, Entspannung, Spiel und Spaß ver­bunden, aber auch mit Aufgaben, die die Konzentration und Wahrneh­mung fördern. Die Psychomotorik schafft positive Erlebnisse ohne Leistungsdruck für die Patientinnen und Patienten. Damit verbessert sich zugleich deren Selbstbewusstsein. Sie erleben in der Psychomotorik wieder Erfolge, merken, dass ihre Anstren­gungen sie weiterbringen und finden dadurch besser Kontakt zu anderen.

Geschichte der Psychomotorik

Die Psychomotorik wurde in Hamm seit den 1960er Jahren vom Diplomsportlehrer und späte-ren Hochschullehrer Prof. Dr. Ernst Jonny Kiphard in Zusammenarbeit mit dem ersten Chefarzt der Klinik, Dr. Helmut Hünnekens, entwickelt. Der langjährige Leiter der Fachabteilung, Horst Göbel, führte die Therapieform mit seinem Team von einer psychomotorischen Übungsbehandlung zur einer klinischen psychomotorischen Therapie weiter. 1976 wurde der „Aktionskreis Psychomotorik“ gegründet, der auch heute noch größte Fortbil¬dungsanbieter in dem Bereich in Deutschland. Aus der Klinik heraus sind zudem die anerkannte Berufsausbildung Motopädie und das Studium der Motologie entstanden.