Suchterkrankungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Aber viele Betroffene brechen die Therapie mehrmals ab und beginnen von vorn, was zu vielen Enttäuschungen führt.
Gleichzeitig zeigt die Forschung, wie entscheidend Kontinuität und stabile Beziehungen sind und wie wichtig es ist, dass sich die Behandlung am realen Leben orientiert.
Hier setzt DynaLIVE an, ein Modell der sogenannten dynamischen, lebensnahen, integrierten Versorgung (daher die Abkürzung DynaLIVE) an der LVR-Klinik Bonn.
Welche Möglichkeiten sich damit auch für die Patientinnen und Patienten mit Suchterkrankungen eröffnen, schildert Helena Dürbaum (HD), Oberärztin aus der Suchtabteilung des DynaLIVE-Zentrums, im Gespräch mit Magdalena Just, Moderatorin und Gastgeberin des Podcasts RheinlandRAUSCH der Koordinationsstelle Sucht beim LVR.
Das folgende Interview ist eine verkürzte Wiedergabe der Podcastfolge "Zwischen Klinik und Leben: DynaLIVE und neue Wege in der Suchtbehandlung".
Liebe Helena, danke, dass Du zu uns gekommen bist. Bitte erkläre kurz in Deinen Worten: Was ist DynaLIVE?
HD: DynaLIVE ist ein Modellprojekt, das an unserem Zentrum für Abhängigkeitserkrankungen Menschen mit Suchterkrankungen den Übergang von einer vollstationären in eine ambulante Behandlung erleichtern soll. Sie integriert Angebote aus dem stationären Setting und bietet mehr Behandlungskontinuität. Unser Anliegen und auch unsere Erfahrung ist es, dass es dadurch zu weniger Therapieabbrüchen kommt, wie es sonst oft der Fall ist. Neu dabei die Therapie mit virtueller Realität, in der Patienten im virtuellen Raum üben können, in potenziellen Konsumsituationen ,Nein‘ zum Suchtmittel zu sagen. Das erhöht stark die Selbstwirksamkeit und fördert zusätzlich die Therapietreue.
Hättest Du ein konkretes, natürlich anonymisiertes, Beispiel eines Patienten für uns?
Ich möchte gerne Herrn B. vorstellen. Er ist Mitte Vierzig und war wegen einer Alkoholabhängigkeit schon mehrfach in vollstationärer Behandlung bei uns. Dabei hat er wiederholt einen körperlichen Entzug gemacht, ist dann aber nach der Entlassung immer schnell rückfällig geworden. Als er von DynaLIVE erfuhr, hat er sich nach einem erneuten körperlichen Entzug auf der Station für eine Verlegung ins ambulante DynaLIVE-Zentrum entschieden.
Wie war seine Erwartungshaltung?
Nach seinen vielen schlechten Erfahrungen war Herr B. zunächst sehr skeptisch. Er wusste nicht genau, ,was mir das bringen soll‘ und hat sich letztlich auch nicht zugetraut, über längere Zeit abstinent zu bleiben.
Welche neuen Erfahrungen hat Herr B. dann gemacht?
Zunächst hat er bei uns an Ergo- und Bewegungstherapie teilgenommen und Entspannungsverfahren kennengelernt. Zudem hatte er Einzelgespräche und Gruppengesprächstherapie. Das sind alles Angebote, wie er sie auch von der Station kannte. Er konnte sich gut einfügen, hatten guten Kontakt zu den Mitpatienten und uns gesagt, dass er sich ganz wohlfühlt. Zu seiner eigenen Überraschung hat er es geschafft, in der Zeit immer wieder abstinent zu bleiben.
Abends fuhr er dann nach Hause?
Genau. Das Programm ist ambulant. So kam es, dass Herr B. auch viele aktuelle Themen morgens von zuhause mitgebracht hat. Während seiner jahrelangen Alkoholabhängigkeit hatte er lange heimlich getrunken, seiner Ehefrau und seinen Kindern davon nichts gesagt. Dieses ganze Lügenkonstrukt kam nun zur Sprache, ebenso wie ein Partnerschaftskonflikt, der sich dadurch entwickelt hatte.
Wurden auch die Angehörigen in die Therapie eingebunden?
Es gab ein Paargespräch mit der Ehefrau. Herr B. war die ganze Zeit stabil abstinent und entschied sich, eine Langzeittherapie zu machen. Während seiner Zeit bei DynaLIVE hat er dazu eine Suchtberatungsstelle aufgesucht. Er hat also enorm profitiert. Nicht immer ist der Verlauf so positiv, aber wir erleben immer wieder, dass Suchtpatienten eben doch erfolgreich ambulant behandelt werden können. Sie brauchen nach dem körperlichen Entzug nicht die vollstationäre Blase, um abstinent zu bleiben.
Wie arbeitet ihr mit Patienten, die nicht vollständig abstinent werden möchten?
Aus unserer Perspektive ist es völlig legitim, dass Patienten sich für eine Konsumreduktion entscheiden oder für nur eine Teilabstinenz einer Substanz. Wir begleiten jeden entsprechend. Für die Zeit der Behandlung bei DynaLIVE fordern wir jedoch Abstinenz von allen Substanzen. Für die Gruppendynamik ist das entscheidend. Treten Rückfälle auf und der Patient bleibt aber bei DynaLIVE, schauen wir, wie es dazu gekommen ist und was der Patient daraus für die Zukunft lernen kann.
Wie gelingt es euch, dass bei den Patienten dieses Vertrauen in die eigene Fähigkeit entsteht, es zu schaffen?
Zentral ist, dass wir ganz offen sind für jeden und seine eigene Geschichte. Wir wollen verstehen, wie jeder Mensch an den Punkt gekommen ist, an dem er oder sie jetzt steht. So entsteht das Wichtigste für die Behandlung: eine vertrauensvolle Basis. Beziehung ist das A und O, damit sich jeder Patient angenommen fühlt mit seinen Sorgen und seinem individuellen Lebensweg.
Zu den Gesprächpartnerinnen
Magdalena Just ist tätig in der Koordinationsstelle Sucht beim LVR und möchte der Tabuisierung von Suchterkrankungen entgegenwirken. Als Moderatorin und Gastgeberin des Podcasts RheinlandRAUSCH informiert sie monatlich gemeinsam mit ihren Interviewgästen zu Sucht und Hilfe im Rheinland.
Mehr Informationen zu DynaLIVE
• Die Therapie findet ambulant statt, integriert aber Module aus der vollstationären Behandlung und erleichtert so Patienten den Übergang in den eigenen Alltag und eine mögliche Langzeittherapie.
• Teilnehmende müssen nicht krankgeschrieben sein und können einer Tätigkeit nachgehen. Sie haben in der Regel während drei Wochen je drei Termine in der Woche, der Umfang kann individuell angepasst werden.
• Das Angebot wendet sich an Menschen mit allen psychiatrischen Erkrankungen und von Kinder- und Jugendpsychiatrie über Erwachsenen- bis zur Gerontopsychiatrie. Hier geht es zu Infos zum DynaLIVE-Zentrum für Abhängigkeitserkrankungen (auch substanzungebundene Süchte) an der LVR-Klinik in Bonn.