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Therapie für die Jahre „dazwischen“

Junge Menschen im Alter von ungefähr 16 bis 25 Jahren sind in der psychiatrischen Versorgung lange durch ein Raster gefallen. Adoleszentenstationen schaffen Abhilfe. Wir erklären, was daran besonders ist, und stellen die Angebote der Kliniken des Bezirks Oberbayern (kbo) und der Zentren für Psychiatrie Baden-Württemberg (ZfP) vor. Die Angebote von Vitos und Pfalzklinikum finden Sie in diesem Text.

Zu alt für die Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP), aber emotional keineswegs „volljährig“. Und damit zu jung für die Erwachsenenpsychiatrie (PPP). Das ist die Lage, in der sich junge Menschen im Alter von ungefähr 16 bis 25 Jahren oft befinden, wenn bei ihnen eine psychische Störung vorliegt.

Da ist beispielsweise die junge Frau Anfang 20, die im Winter wochenlang in einer eiskalten Wohnung ausharrt, weil sie sich nicht traut, ihren Vermieter anzurufen – emotional befindet sie sich auf dem Niveau einer 14-Jährigen. Ähnlich wie der 21 Jahre alte Patient, der wegen seiner Autismus-Spektrumsstörung Schwierigkeiten hat, auf eigenen Beinen zu stehen und der in sozialen Situationen nicht gut klarkommt.

Da ist der junge Erwachsene, der seit zwei Jahren sein Zimmer zu Hause bei den Eltern kaum mehr verlassen hat, weil er nach Abschluss der Schule nicht weiß, wie es für ihn weitergehen kann und der eine Internetsucht entwickelt hat. 

Und da ist die 20 Jahre alte Frau, die so oft in ihrem Leben umgezogen ist, dass sie es nicht mehr zählen kann, und die latent von der Obdachlosigkeit bedroht ist. 

Ihre Lebensgeschichten haben dazu geführt, dass sich diese jungen Menschen für ihr Alter seelisch nicht angemessen und psychsich gesund entwickeln konnten. Sie brauchen professionelle Hilfe.

 

Zwischen Jugend und Erwachsensein

In der psychiatrischen Versorgung sind sie lange durch ein Raster gefallen. Sogenannte Adoleszentenstationen schaffen Abhilfe. Sie werden häufig von beiden Einrichtungen (also KJP und PPP) gemeinsam betrieben und ermöglichen jungen Menschen den Übergang ins Erwachsenenleben mit therapeutischer Begleitung.

Dabei variiert es, innerhalb welcher Altersspannen die jeweilige Klinik junge Menschen auf ihrer Adoleszentenstation aufnimmt. Das kbo-Heckscher-Klinikum in Wasserburg am Inn behandelt auf der Adoleszentenstation junge Menschen bis zu einem Alter von 21 Jahren.

Beim Zentrum für Psychiatrie in Emmendingen beginnt eine Behandlung auf der Station für junge Menschen ab 18 Jahren, die Obergrenze ist allerdings flexibel. So kann es auch vorkommen, dass dort Patienten mit Anfang 30 behandelt werden.

 

Eine therapeutische Chance unter Gleichaltrigen

📍 kbo-Heckscher-Klinikum in Wasserburg am Inn: Adoleszentenstation

Bereits seit 2013 betreibt das kbo-Heckscher-Klinikum im oberbayerischen Wasserburg eine Adoleszentenstation. Die räumliche Nähe zur Erwachsenenpsychiatrie des kbo-Inn-Salzach-Klinikums erlaubt es nicht nur, im Notfall die geschlossene Station verfügbar zu haben. 

Jüngere Patienten könnten auch leicht von dort auf die Adoleszentenstation verlegt werden, wenn es angebracht erscheint. Oberarzt Dr. Thomas Jäger erklärt:

„Wechselt jemand von der Erwachsenenpsychiatrie zu uns, besprechen wir immer, dass das durchaus auch bedeuten kann, mehr gefordert zu sein.“

Anderes Umfeld unter Gleichaltrigen

Diese Verlegung berge allerdings auch eine therapeutische Chance. „Die Patienten werden mehr konfrontiert mit ihren Ängsten, weil sie sich mit den Gleichaltrigen bei uns vergleichen und von diesen auch eher bewertet werden“, fügt der Kinder- und Jugendpsychiater hinzu, der seit Inbetriebnahme auf der Adoleszentenstation arbeitet.

 

Die richtige Beziehung aufbauen

Für die Mitarbeitenden auf der Adoleszentenstation erweise sich das Spannungsfeld zwischen Kompetenzdefiziten der Patienten und Patientinnen und ihrem Streben nach Autonomie durchaus als herausfordernd: „Zwischen diesen beiden Polen bemühen wir uns, eine tragfähige Beziehung und ein Behandlungsbündnis aufzubauen“, so Dr. Thomas Jäger. 

„Das gelingt uns meistens, so dass sich die adoleszenten Patienten auch kritische Rückmeldungen und korrigierende Empfehlungen anhören.“ Ein wichtiger Aspekt sei die Eigenmotivation. Während in der Kinder- und Jugendpsychiatrie die Eltern oft über die stationäre Aufnahme entscheiden, müssten die Adoleszenten selbst glaubhaft vermitteln, dass sie bewusst eine Veränderung anstreben.

 

Damit haben die meisten Schwierigkeiten

Aufgenommen werden Patienten und Patientinnen im Alter von 16 bis 21 Jahren. Die überwiegenden Diagnosen sind Depressionen, Angsterkrankungen, ADHS, gelegentlich Psychosen. 

Schwierigkeiten mit der Emotionsregulation spielen auch in Wasserburg eine zentrale Rolle. Zu den Stationsregeln gehöre deshalb, dass Körperkontakt auf ein bestimmtes Maß begrenzt sein sollte – auch, wenn die jungen Menschen oft Nachholbedarf an freundschaftlichen oder partnerschaftlichen Kontakten haben.

 

„Emerging adulthood“ als eigene Phase

Die Zeit zwischen Jugend und Erwachsenenalter wird in Untersuchungen inzwischen als eigenständige Lebensphase angesehen, die sich immer mehr verlängere und nach hinten verzögere. Der Fachbegriff dafür lautet „emerging adulthood“. Die Warteliste für einen Platz auf der Adoleszentenstation in Wasserburg ist lang – wie in anderen Kliniken auch.

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Dr. Thomas Jaeger kbo
Dr. Thomas Jäger © kbo

 

Die vermutlich erste Therapiestation für junge Erwachsene

📍 ZfP in Emmendingen: Station für junge Erwachsene

Am Zentrum für Psychiatrie in Emmendingen in Baden-Württemberg gab es vermutlich die erste Therapiestation für junge Erwachsene in Deutschland – lange, bevor der Begriff Adoleszentenstation überhaupt aufkam. „Sie wurde 1985 ins Leben gerufen, als Therapiestation für jüngere Patienten mit Schizophrenie“, berichtet Friederike Müller-Leiendecker, Oberärztin der „Station 6“ und Psychiaterin. 

Dieser besondere Schwerpunkt besteht bis heute. Etwa zwei Drittel der jungen Erwachsenen auf der Station werden wegen einer Schizophrenie oder einer drogeninduzierten Psychose aufgenommen. Weitere Krankheitsbilder sind Depressionen, Angsterkrankungen, Traumafolgestörungen, emotionale Entwicklungsstörungen oder Sozialverhaltensstörungen.

 

Trotz Schizophrenie unabhängig leben

„Tritt eine Schizophrenie zum ersten Mal auf, versetzt das die Patienten, aber auch Angehörige, in Angst und Schrecken“, so die Medizinerin. „Deshalb ist es uns wichtig, etwa die Psychoedukation direkt hier auf der Station zu machen.“ Die Krankheit sei immer noch mit viel Stigmatisierung verbunden:

„Unsere Aufgabe ist es daher auch, Zuversicht zu vermitteln, zu trösten und Perspektiven aufzuzeigen.“

Trotz einer solchen Diagnose sei oft ein unabhängiges Leben möglich, jeder Verlauf sei anders.

Drogeninduzierte Psychosen hingegen beruhten bei den jungen Patienten und Patientinnen meist auf dem Konsum von Cannabis. „Wir können hier auf der Station einen qualifizierten Entzug machen“, so die Oberärztin. „Und häufig konsumieren die jungen Menschen dann erstmals über Wochen keine Drogen und spüren plötzlich, dass sie wieder klar denken können, sich ausdrücken können, sich konzentrieren können. Vielleicht auch Pläne für ihre Zukunft machen können. Dann kommen sie schon ins Überlegen, das doch mal zu lassen.“

 

Freiwillig keine Drogen mehr

Druck üben die Therapeuten nicht aus. Der Verzicht soll die Folge einer freiwilligen, bewussten Entscheidung sein. Manchmal ist der Weg dorthin auch länger, weil das „Weiterkiffen“ als Ausdruck der eigenen Autonomie gesehen wird. 

„Seit der Cannabis-Legalisierung erleben wir das öfter“, so die Psychiaterin. „Wir raten dann dazu, zumindest die Medikamente parallel weiter zu nehmen.“ Als hilfreich hat sich auch Akupunktur erwiesen, die inzwischen auch Patienten und Patientinnen bekommen können, die an Ängsten, Unruhe oder innerer Anspannung leiden, um diese zu lindern.

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Friederike Mueller-Leiendecker ZfP
Friederike Müller-Leiendecker © privat

 

Immer mehr junge Menschen mit Verdacht auf ADHS

Zugenommen hat auch die Zahl junger Erwachsener, die wegen des Verdachtes auf ADHS oder Autismus angemeldet werden. „Wir machen daher auch viel Diagnostik“, sagt Friederike Müller-Leiendecker, aber häufig handele es sich um andere Erkrankungen. Eher liegen dann Hinweise auf Züge von Persönlichkeitsstörungen vor. 

Etwa die Hälfte der Patienten und Patientinnen im Alter zwischen 18 und 26 Jahren wird von außen aufgenommen. Alle weiteren werden von anderen Stationen verlegt, wenn sie stabil genug sind: „Wir sind eine offene Station, und die Adoleszenten müssen damit umgehen und sich an Regeln halten können.“

 

Von Anfang an der Gedanke an die Zukunft

Viele seien aber zugleich auch überfordert davon, wieviel „Selbststruktur“ sie mitbringen müssen. Wie es nach dem stationären Aufenthalt weitergeht, wird vom ersten Tag an geplant und ist auch gesichert, wenn die Patienten und Patientinnen entlassen werden.

Icon Einrichtung

Psychiatrische Adoleszentenstationen beim Pfalzklinikum und Vitos

Psychiatrische Adoleszentenstationen gibt es in Deutschland erst wenige – im Verbund der Kliniken, die gemeinsam die Plattform Curamenta.de betreiben, aber sogar mehrere. Neben den hier vorgestellten Angeboten der Kliniken des Bezirks Oberbayern (kbo) und der Zentren für Psychiatrie Baden-Württemberg (ZfP) haben auch Vitos und das Pfalzklinikum Angebote.