Entwickeln junge Menschen zwischen 16 und 25 Jahren eine psychische Erkrankung, können sie von Angeboten einer psychiatrischen Adoleszentenstation profitieren. Bundesweit gibt es erst wenige – im Verbund der Kliniken, die gemeinsam die Plattform Curamenta.de betreiben, aber sogar mehrere. Wir stellen die Angebote von Vitos und dem Pfalzklinikum vor.
Da ist die 22-Jährige, die im Winter wochenlang in einer eiskalten Wohnung ausharrt, weil sie sich nicht traut, ihren Vermieter anzurufen – emotional befindet sie sich auf dem Niveau einer 14-Jährigen. Ähnlich wie der 21 Jahre alte Patient, der wie ein Teenager gegen seine Eltern rebelliert, ansonsten aber keine Vision hat, wie er sein Leben gestalten soll.
Da sind die jungen Erwachsenen, die seit zwei Jahren ihr Zimmer zu Hause bei den Eltern kaum mehr verlassen haben, weil sie nach Abschluss der Schule nicht wissen, wie es für sie weitergehen kann und nur im Internet unterwegs sind.
Und da ist die 20 Jahre alte Frau, die so oft in ihrem Leben umgezogen ist, dass sie es nicht mehr zählen kann, und die latent von der Obdachlosigkeit bedroht ist.
Ihre Lebensgeschichten haben dazu geführt, dass diese jungen Menschen sich für ihr Alter seelisch nicht angemessen entwickeln konnten und eine psychische Störung entstanden ist.
Zwischen Jugend und Erwachsensein
In der psychiatrischen Versorgung sind sie trotzdem lange durch ein Raster gefallen: Zu alt für die Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP), die in der Regel nur bis zum 18. Lebensjahr behandelt, und zu jung für die Erwachsenenpsychiatrie (KPP), weil sie emotional keineswegs „volljährig“ sind.
Sogenannte Adoleszentenstationen, die in der Regel von beiden Einrichtungen (also KJP und KPP) gemeinsam betrieben werden, ermöglichen diesen jungen Menschen zwischen 16 und 25 Jahren den Übergang ins Erwachsenenleben mit psychiatrischer Behandlung und therapeutischer Begleitung. So etwa am Vitos Klinikum Riedstadt, wo 2025 das erste Adoleszentenzentrum in Hessen eröffnet wurde.
Fit machen für das Leben nach der Klinik
📍Vitos in Riedstadt: Adoleszentenzentrum
„Wir sind bereits 2019 als Adoleszentenstation gestartet“, berichtet Sevinc Jürgens, stellvertretende Klinikdirektorin der Vitos Kinder- und Jugendklinik für psychische Gesundheit Riedstadt. „Als Adoleszenz wird der Übergang von der Jugend ins Erwachsenenalter bezeichnet“, erklärt die Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie.
Sevinc Jürgens erläutert:
Sie fügt hinzu: „Gleichzeitig haben sie noch hohen Unterstützungsbedarf, etwa bei der Tagesstrukturierung und der Perspektivfindung. Darauf sind die Erwachsenenpsychiatrien nicht ausgerichtet, die ein hohes Maß an Selbstständigkeit und Eigenverantwortung fordern.“
Das Lernen kommt nicht zu kurz
Neben der eigentlichen psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung steht von Tag eins an auch die schon die Frage an, wie es danach konkret weitergehen kann: „Besteht der Wunsch, einen Schulabschluss nachzuholen, können die jungen Erwachsenen unsere klinikeigene Schule besuchen“, so Sevinc Jürgens. Hier werden in der Adoleszentenklasse etwa auch Bewerbungsschreiben und Vorstellungsgespräche geübt.
Parallel dazu wird Arbeitstherapie angeboten, etwa im Garten oder der Versorgung von Tieren. Dabei gehe es vor allem darum, Verantwortung zu übernehmen, die eigenen Bedürfnisse, aber auch die von anderen wahrzunehmen, sich selbst zu spüren, auch mal Grenzen zu setzen, aber auch emotionale Nähe zuzulassen.
Mut und Zuversicht geben
Viele der jungen Erwachsenen werden mit einer Depression und/oder einer Angststörung wie einer sozialen Phobie aufgenommen oder haben Schwierigkeiten, ihre Emotionen zu regulieren. „Zudem kooperieren wir unter anderem mit den Berufsbildungswerken, um eine berufliche Perspektive zu erarbeiten“, erzählt Sevinc Jürgens.
Die Adoleszentenambulanz im Haus bietet sowohl akute Behandlung als auch ambulante Nachsorge an. Den Selbstwert zu stärken sowie die Vermittlung von Mut und Zuversicht spiele eine wichtige Rolle.
Der hoffnungsvolle Blick in die Zukunft
Viele Patienten und Patientinnen sagen bei der Entlassung:
Den eigenen Platz in der Welt finden inmitten von Krisen
📍Pfalzklinikum in Klingenmünster: Adoleszentenzentrum
Sich nichts zuzutrauen, gar nicht zu wissen, was einem liegt, was man kann, und dass sich neue Kompetenzen erfolgreich lernen lassen – solche „Insuffizienzerfahrungen“ beobachten auch der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut Samuel Grimm und die Psychiaterin und Psychotherapeutin Dr. Claudia Zschernitz-Glöckner bei ihren Patienten und Patientinnen. Beide arbeiten am Adoleszentenzentrum, das vom Pfalzklinikum im rheinland-pfälzischen Klingenmünster seit Oktober 2024 betrieben wird.
„Viele unserer jungen Patientinnen und Patienten zwischen 16 und 25 konnten keinen stabilen Selbstwert entwickeln“, so Grimm. „Oft fehlt es zudem an grundlegenden Alltagsfähigkeiten“, ergänzt Zschernitz-Glöckner. Deshalb kommen dem Pflegepersonal durchaus auch zusätzliche pädagogische Aufgaben zu wie das morgendliche Wecken und den jungen Menschen beizubringen, für sich selbst einzukaufen oder einen ausgewogenen Schlaf-Wach-Rhythmus zu finden.
Plötzlich Verantwortung – und dann auch noch die Krisen der Welt
Es zeigt sich zunehmend, dass die adoleszenten Patientinnen und Patienten auch aufgrund der vielen Krisen in der Welt, wirtschaftlich, klimatisch, aber auch militärisch, noch ängstlicher und hoffnungsloser in die Zukunft blicken und sich umso schwerer tun, ihren Platz in der Welt zu finden. Samuel Grimm erklärt: „Viele fühlen sich besser abgeholt, wenn sie merken, dass die anderen auf der Station ähnliche Themen haben wie sie selbst, sei es Familie, Schule und Berufseinstieg oder eben Zukunftsängste.“
Die Chance, einen besseren Weg zu gehen
Gleichzeitig erhalten sie die Möglichkeit, korrigierende Beziehungserfahrungen zu machen, und es entsteht ein Raum für eine nachträgliche emotionale Reifung. Oft sei auch deshalb mehr Offenheit und Bereitschaft vorhanden, aktiv an der Therapie und Perspektivfindung mitzuarbeiten. Dazu gehört, in der Klinik die Schule besuchen zu können, wo es auch um Berufsvorbereitungen geht.
„Für viele ist es eine Erleichterung, Schule erst noch einmal ,klein‘ erleben zu können und ein paar Erfolgserlebnisse zu haben, ehe der Schritt draußen erfolgt“, erläutert Dr. Claudia Zschernitz-Glöckner. Fällt die Umsetzung „draußen“ besonders schwer, gibt es auch die Möglichkeit, dass die stationäre Behandlung in ein Assertive Community Treatment, also eine Zuhause-Behandlung, übergeht, bei der die Patientinnen und Patienten zu Hause weiter unterstützt werden.