Für die Therapie seelischer Erkrankungen geht der Trend dahin, Betroffene möglichst in ihrem sozialen Umfeld zu belassen. Welche Vorteile eine stationäre Behandlung bietet und wann eine vollstationäre Aufnahme unumgänglich ist, zeigt dieser Beitrag.
Herr Prof. Landgrebe, was ist der Unterschied zwischen einer vollstationären und einer teilstationären Behandlung in der Psychiatrie oder auch der Psychosomatik?
Bei einem vollstationären Aufenthalt sind die Patienten rund um die Uhr auf der Station, auch nachts werden sie betreut. Das gilt ebenfalls für das Wochenende, wenn sie nicht gerade beurlaubt sind. Bei einer teilstationären Behandlung in einer Tagesklinik kommen die Patienten von montags bis freitags jeweils von 8 bis 17 Uhr zu uns. Sie sind – wie auch auf der Station – in einen therapeutischen Wochenplan eingebunden, mit ärztlichen und pflegerischen Kontakten sowie Einzel- und Gruppentherapie, erbracht durch das gesamte multiprofessionelle Behandlungsteam. Abends aber fahren sie dann immer nach Hause und bleiben so in ihr soziales Umfeld integriert.
Welche Gründe entscheiden darüber, ob ein Patient vollstationär aufgenommen wird?
Für einen vollstationären Aufenthalt spricht, wenn ein Patient zuhause überfordert wäre, weil die private oder berufliche Situation ein Mit-Auslöser für die Erkrankung ist. Dazu können Gewalt- oder Missbrauchserfahrungen gehören. Oder jemand pflegt aufopferungsvoll einen nahen Angehörigen und rutscht selbst in eine Depression. In solchen Situationen kann aus therapeutischer Sicht ein ,Herausnehmen auf Zeit‘ Sinn machen. Allerdings ist damit auch eine Schwierigkeit verbunden:
Das spricht dann wohl eher für einen teilstationären Aufenthalt?
Eine Tagesklinik mit ihrer teilstationären Behandlung hat eben den Vorteil, dass die Menschen das gesamte therapeutische Angebot einer Klinik wahrnehmen können und abends und am Wochenende zuhause sind. Sie müssen sich kein Zimmer mit einem fremden Menschen teilen. Vor allem aber können die Patienten alles, was sie in der Therapie lernen, direkt zuhause in ihrem Alltag anwenden und schon am nächsten Tag besprechen, was gut geklappt hat und was nicht. Sie können nicht so leicht ausweichen oder Themen vermeiden. Aus meiner Sicht ist das ein großer therapeutischer Vorteil.
Führt eine tagesklinische Behandlung also womöglich auch zu besseren und konstanteren therapeutischen Ergebnissen?
Die Nachhaltigkeit ist in vielen Fällen sehr gut. In den medizinischen Behandlungsleitlinien wird auch immer gefordert, die Angehörigen mit einzubinden, also das ganze ,System‘, in dem jemand lebt. Das geht im Teilstationären leichter. Im Vollstationären kann es auch gelingen, aber auch nur, wenn die Familie nicht zu weit entfernt von der jeweiligen Klinik wohnt. Sonst kommen schwierige Themen aus diesem Kontext gar nicht erst zur Sprache. Voraussetzung dafür ist in beiden Fällen, dass der Patient einverstanden ist, dass die Angehörigen kontaktiert und gegebenenfalls in den therapeutischen Prozess eingebunden werden.
Psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angst- und Zwangserkrankungen sind oft mit Antriebsschwäche und Vermeidungsverhalten verbunden. Hat es dann nicht auch schon therapeutischen Wert, sich morgens aufraffen zu müssen, um in die Tagesklinik zu fahren?
Das ist natürlich ein Faktor, um Selbstwirksamkeit zu erleben und aus der Passivität herauszukommen. Wobei ich einschränkend sagen muss: Die tagesklinischen Patienten sind gesundheitlich stabiler und dazu auch in der Lage. Das ist nicht vergleichbar mit Menschen, die schwerstdepressiv sind und es kaum schaffen, aus dem Bett aufzustehen. Oder wenn sie aufgrund ihrer Ängste und Zwänge nicht mehr in der Lage sind, die eigene Wohnung zu verlassen. Hier stellt die stationsäquivalente Behandlung (StäB), bei der das multiprofessionelle Behandlungsteam an sieben Tagen die Woche zum Patienten kommt, eine moderne und innovative Alternative zu einem stationären Aufenthalt dar.
Welche Rolle spielt die Erkrankung selbst, ob jemand voll- oder teilstationär zu Ihnen kommt?
Natürlich ist der Schweregrad der Erkrankung entscheidend. Bei akuter Selbst- oder Fremdgefährdung ist die vollstationäre Aufnahme und Überwachung unabdingbar. Weitere Beispiele sind eine schwere Depression mit Suizidalität, eine demenzielle Erkrankung mit Verhaltensauffälligkeiten, eine akute Psychose oder auch eine Essstörung mit lebensbedrohlichem Untergewicht. Das Gleiche gilt für Menschen, die zusätzlich körperlich schwer krank sind. Ein Großteil der psychosomatischen Krankheitsbilder, Depressionen, Angststörungen oder Zwangserkrankungen, aber auch Essstörungen, lassen sich hingegen sehr gut tagesklinisch behandeln. Trotzdem entscheiden wir uns manchmal dagegen, wenn die Entfernung zum Wohnort eines Patienten einfach zu groß ist.
Früher gab es nur den vollstationären Aufenthalt …
Vor der sogenannten Psychiatrie-Enquête waren die psychiatrischen Kliniken riesige Verwahranstalten mit jahrelangen Liegezeiten und kaum Therapie. Mit dem Reformprojekt im Jahr 1975 hat sich sehr viel geändert, damals kam auch erstmals das Konzept der Tagesklinik auf.
Wie ist das bei den Kliniken des Bezirks Oberbayern (kbo)?
Hier gibt es seit langem die Strategie, statt großer zentraler Kliniken viele regionale Häuser zu führen. Das kbo-Isar-Amper-Klinikum etwa war früher für 3000 Patienten ausgelegt und ist deutlich kleiner geworden. Stattdessen gibt es viele ,Satelliten‘, darunter Tageskliniken mit Institutsambulanzen. Auch die kbo Lech-Mangfall-Kliniken setzen sich für eine wohnortnahe Versorgung ein mit stationsäquivalenter Behandlung (StäB) für die Landkreise Miesbach, Bad Tölz/Wolfratshausen sowie mit einer neuen Tagesklinik und Psychiatrischer Institutsambulanz an unseren neuen Standort in Wolfratshausen.