Wer sich wenig bewegt, hat ein höheres Risiko, körperlich oder auch psychisch zu erkranken. Wie wichtig Sport und Bewegung präventiv und therapeutisch für die mentale Gesundheit sind, schildert Dr. Isabel Maurus.
Frau Dr. Maurus, haben Sie heute schon Sport gemacht?
Ich habe meinen Sohn mit dem Fahrrad in die Kita gebracht und bin dann damit zur Arbeit gefahren. Das mache ich fast immer und es hilft mir, gut in den Tag zu starten. Sport mache ich dann meist abends oder am Wochenende. Meine Leidenschaft ist Ausdauersport. Ich liebe es, laufen zu gehen, Rennrad zu fahren, im Winter Skitouren zu gehen und im Sommer Trailrunning.
Sie sind Psychiaterin und leiten die Ambulanz sowie die Forschungsgruppe Sportpsychiatrie an der LMU. Worum geht es dabei?
Wir wissen schon länger, dass Sport hilfreich ist für die körperliche und seelische Gesundheit, aber erst seit den 1990er Jahren wird dieser Bereich systematisch erforscht. Die Sportpsychiatrie befasst sich zum einen mit Profisportlern, die psychisch erkranken und die wir in unserer Spezialambulanz betreuen. Der Hauptteil meiner Forschung aber ist das Erforschen von präventiven und insbesondere therapeutischen Effekten von Sport für Menschen mit psychischen Erkrankungen.
Psychische Erkrankungen gehen auf einen veränderten Gehirnstoffwechsel zurück. Inwiefern können Sport und Bewegung dem vorbeugen oder entgegenwirken?
Sport entfaltet seine Effekte nicht nur über einen Mechanismus, sondern wirkt auf ganz vielen Ebenen. Beim Training wird die Muskulatur aktiviert, der Herzschlag verschnellert sich, die Durchblutung verbessert sich und das nicht nur in der Peripherie, sondern eben auch im Gehirn. Dadurch werden Wachstumsfaktoren ausgeschüttet. Diese Stoffe fördern die Regeneration des Nervensystems und können sogar dazu führen, dass Nervenzellen neu gebildet werden.
Wie sieht es mit Botenstoffen wie den „Glückshormonen“ Serotonin und Dopamin aus, die bei einer Depression ja nicht ausreichend vorhanden sind?
Sport sorgt auch hier für einen positiven Effekt. So konnte gezeigt werden, dass Vorstufen von Serotonin schneller zur Verfügung gestellt werden, so dass der Körper daraus wieder mehr Serotonin bilden kann. Auch der Dopamin-Stoffwechsel funktioniert besser.
Durch Sport läuft sozusagen alles ein bisschen geschmeidiger?
Auf jeden Fall. Sport fördert den Organismus rundum, weil die Fähigkeit, sich gut zu bewegen, in der Entwicklungsgeschichte des Menschen ganz wesentlich war – bei der Jagd nach dem Mammut oder auf der Flucht vor dem Säbelzahntiger. Diese Lebensnotwendigkeit bestand über hunderttausende von Jahren und unser Körper ist dahingehend perfekt angepasst. Die Sesshaftigkeit, verbunden mit dem Leben in Städten, ist noch eine vergleichsweise junge Entwicklung, und unser Nervensystem hat noch nicht gelernt, ohne Bewegung auszukommen.
Wie wirkt sich Sport präventiv auf die mentale Gesundheit aus?
Es konnte klar gezeigt werden, dass Sport hilft, Stress abzubauen, Ängste zu reduzieren und die kognitive Leistungsfähigkeit zu verbessern, was ein ganz wichtiger Faktor ist, um etwa auch Demenzerkrankungen vorzubeugen und ganz allgemein auch die Lebensqualität zu erhöhen.
Wird damit in Kindheit oder Jugend begonnen, kommt es seltener oder später erst zu einer möglichen psychischen Erkrankung. Das gilt vor allem für Depressionen und Angsterkrankungen. Wir wissen auch, dass Menschen weniger anfällig sind für Störfaktoren, sie bauen mehr Resilienz auf, weil sie im Sport Selbstwirksamkeit erfahren: ,Ich kann Dinge umsetzen, die ich mir vornehme. Und auch mal Tiefs überwinden.‘
Und als Therapie bei psychischen Erkrankungen?
Bei Menschen mit leichten Depressionen konnte gezeigt werden, dass Sport tatsächlich ähnlich gute Effekte haben kann wie Psychotherapie. Bei innerer Unruhe, die auch bei Depressionen, aber auch bei Angsterkrankungen oder in manischen Phasen auftreten kann, ist Sport oft ein gutes Ventil, um diese Energie zu kanalisieren und abends besser in den Schlaf zu finden. Auch bei schweren Depressionen oder beispielsweise bei Schizophrenien oder bipolaren Erkrankungen sollte Sport eine ergänzende Therapie darstellen. Generell wird Sport aber noch viel zu selten mitgedacht und genutzt.
Und im ambulanten Bereich gibt's noch viel zu wenige spezialisierte Angebote.
Bei Depression fehlt oft so der Antrieb und dazu kommen oft negative Gedankenschleifen wie ,Ich schaff’s ja eh nicht‘. Wie gelingt es trotzdem, sich aufzuraffen und sich mehr zu bewegen?
Viele meiner schwer kranken Patienten möchten sich am liebsten nur im Bett verkriechen, aber da sage ich immer, dass so noch nie Probleme gelöst wurden. Unter der Bettdecke ist man hingegen umso mehr den eigenen, oft düsteren Gedanken ausgeliefert. Es braucht einen Anreiz von außen, um wieder zu merken, es gibt auch noch andere Werte und Ziele. Ein solcher Anstoß kann vom behandelnden Arzt kommen oder aus der Familie, die einen mitnimmt zu einem Spaziergang oder zum Laufen. Ganz wichtig ist auch eine realistische Zielsetzung. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt 150 Minuten Sport pro Woche, das erscheint vielen Menschen mit psychischer Erkrankung zunächst unerreichbar und wirkt demotivierend. Gerade zu Beginn ist es wichtig zu wissen:
Angenommen, jemand war früher sportlich, ein anderer hat sich nie viel bewegt. Wie gelingt beiden der Neuanfang?
Man muss individuell anschauen, was einem liegt. Wer sportlich war, kann vielleicht daran anknüpfen, und sei es erst einmal in kleinen Schritten.
Spazieren gehen, all das hat schon günstige Auswirkungen. Auch Angebote für Gleichgesinnte sind enorm hilfreich, wie etwa Rehasport, der inzwischen auch bei psychischen Erkrankungen möglich ist, was allerdings noch ausgebaut werden muss. Und dann gibt es natürlich Angebote wie die Laufgruppe des Münchner Bündnisses gegen Depressionen.
Als Schirmherrin waren Sie schon manchmal dabei: Gibt es etwas, was Sie überrascht hat?
Oft geht es gar nicht um Depressionen, sondern Gleichgesinnte treffen sich, machen zusammen Sport und genießen das. Die Erkrankung tritt in den Hintergrund, der Blick öffnet sich wieder für andere Menschen und die Vielfalt des Lebens. Der soziale Zusammenhalt ist als Motivation dabei sehr wichtig, um dabeizubleiben. So verstärken sich auch neue positive Erfahrungen, die helfen können, die Erkrankung zu überwinden. Bei dieser Aktivität kommt noch hinzu, dass die Gruppe sich draußen in der Natur trifft. Und Grün zu sehen, das ist sehr gut belegt, ist gerade bei Gedankenkreisen sehr hilfreich.
Reicht also schon Spaziergehen oder muss es Ausdauersport sein, um Effekte zu erzielen?
Alles ist denkbar. Auch beim Spaziergehen kommt der Kreislauf in Schwung. Beim Tennis etwa ist die Belastung kurzzeitig teils höher, aber es kommt auch immer darauf an, was einem liegt. Wie gesagt: Alles ist besser als nichts zu tun. Eine Startmöglichkeit ist auch, an einer unserer Studien teilzunehmen.