Wenn ein Mensch psychisch erkrankt, betrifft das auch seine Angehörigen. Psychoedukation entlastet und hilft ihnen, die eigene Rolle besser zu verstehen.
Als Bettina F. sich eines Tages plötzlich die Haare schnitt, fiel das ihrem Partner Thomas M. zunächst kaum auf. Doch dann begann sie, Fernseher und Rauchmelder mit Alufolie zu umwickeln – aus Angst, ausspioniert zu werden. Sie las stundenlang in der Bibel, sprach von einem göttlichen Auftrag und bezeichnete sich selbst als Jüngerin. Irgendwann wusste Thomas: Etwas stimmt ganz und gar nicht.
Die Diagnose erhielt er erst später: paranoide Schizophrenie, eine psychische Erkrankung, die häufig mit Verfolgungs- und religiösem Wahn sowie Halluzinationen einhergeht und oft von fehlender Krankheitseinsicht begleitet wird. Eine systematische Aufklärung darüber, was mit seiner Partnerin geschah, wie die Erkrankung zu verstehen ist und was es bedeutet, als Angehöriger mit einer psychischen Erkrankung zu leben, erhielt Thomas nicht.
„Von irgendeiner Stelle bekam ich eine Broschüre mit Adressen von Selbsthilfegruppen“, erinnert er sich. „Doch die sind in irgendeiner Schublade verschwunden.“ Acht Jahre später befinden sich Bettina F. und Thomas M. noch immer in einem belastenden Kreislauf aus Eskalation, Beruhigung und erneuter Zuspitzung.
Was Thomas fehlt, lässt sich klar benennen: Wissen, Einordnung und Unterstützung für Angehörige. Also Psychoedukation.
Mittragen ohne Landkarte
Wenn ein Mensch erkrankt – körperlich oder seelisch –, betrifft das auch sein Umfeld. Angehörige tragen die Erkrankung mit. Sie organisieren den Alltag, vermitteln zwischen Betroffenen und Institutionen, halten Krisen aus und versuchen, Stabilität herzustellen – oft über viele Jahre hinweg. Dabei geraten die eigenen Bedürfnisse häufig aus dem Blick. Viele Angehörige berichten, dass sie lange funktionieren, bevor sie bemerken, wie erschöpft sie sind.
Hinzu kommt ein dauerhaftes Spannungsfeld zwischen Nähe und Abgrenzung, Verantwortung und Ohnmacht sowie Hoffnung und Resignation. Ohne Wissen über die psychische Erkrankung und ihre typischen Dynamiken zehrt diese Balance massiv an den eigenen Kräften.
„Die gesamte Dynamik zum Positiven verändert“
Wie prägend fehlende Aufklärung für Angehörige psychisch Erkrankter sein kann, beschreibt auch Cordula K., die mit einer psychisch erkrankten Schwester aufwuchs:
Psychoedukation als Orientierungshilfe für Angehörige
Psychoedukation für Angehörige setzt genau an diesem Punkt an. Der Fachbegriff setzt sich zusammen auf den Worten Psyche und Edukation und bezeichnet die systematische Vermittlung von Wissen über die Erkrankung eines nahestehenden Menschen. Ziel ist es, Angehörige gewissermaßen zu informierten Experten und Expertinnen für ihre eigene Situation zu machen, Ängste zu reduzieren und das Verständnis für das Krankheitsgeschehen zu vertiefen.
Angehörige lernen, Symptome besser einzuordnen, typische Verläufe und Rückfallmuster zu erkennen und zwischen beeinflussbaren und nicht beeinflussbaren Faktoren zu unterscheiden. Sie erhalten Orientierung im Umgang mit Krisen, entwickeln ein realistischeres Verständnis ihrer Verantwortung und lernen, Grenzen zu setzen, ohne Schuldgefühle zu entwickeln. Auch die eigene Belastung wahrzunehmen und ernst zu nehmen, ist ein zentraler Bestandteil.
Ein wichtiger Teil der Psychoedukation ist der Austausch in der Gruppe. Unter Gleichgesinnten erfahren Angehörige, dass sie mit ihren Gedanken, Ängsten und Ambivalenzen nicht allein sind und erleben Entlastung durch gegenseitiges Verstehen.
Begleiten statt retten – Beziehungen auf Augenhöhe
Auch das Thema Loslassen spielt in der Psychoedukation eine wichtige Rolle. Vielen Angehörigen fällt es schwer, den erkrankten Menschen seinen eigenen Weg gehen zu lassen, weil sie ihn vor Leid schützen oder retten möchten. Dieses verständliche Bedürfnis kann jedoch in übergriffiges Verhalten münden, das vor allem eigene Gefühle von Angst oder Ohnmacht abwehrt.
In psychoedukativen Gruppen wird daher erarbeitet, wie Beziehungen auf Augenhöhe gelingen können. Eine zentrale Erkenntnis lautet: Angehörige können begleiten und unterstützen – heilen oder retten können sie nicht. Diese Einsicht ist oft schmerzhaft, zugleich aber entlastend. Sie schafft Raum für realistische Erwartungen, Selbstfürsorge und langfristige Stabilität.
Gleichzeitig hat Psychoedukation klare Grenzen. Sie ersetzt keine Therapie und kann weder Krankheitseinsicht erzwingen noch Rückfälle verhindern. Auch tief verankerte Beziehungskonflikte oder akute Krisen lassen sich durch Wissensvermittlung allein nicht auflösen. Psychoedukation bietet Orientierung und Entlastung, aber keine Kontrolle über den Krankheitsverlauf.
Für wen ist Psychoedukation geeignet?
Psychoedukation richtet sich grundsätzlich an Angehörige von Menschen mit unterschiedlichen psychischen Erkrankungen – etwa Depressionen, bipolaren Störungen, Psychosen, Angst- oder Suchterkrankungen. Die Inhalte werden dabei an das jeweilige Krankheitsbild angepasst.
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Zum Schutz der Betroffenen sind die Namen in diesem Beitrag geändert bzw. anonymisiert worden.