Düfte – als Hilfe bei psychischen Erkrankungen? Was anfangs viele Patienten und Patientinnen in der Psychiatrie überrascht, hat sich als wirksam und nebenwirkungsarm erwiesen. Wir erklären, was Aromapflege ist und wie sie hilft.
Kreisende Gedanken, innere Unruhe: Gerade psychische Erkrankungen können dazu führen, dass man abends schlecht einschläft. Um Probleme wie diese zu lösen, werden Aromen eingesetzt.
Fürs Einschlafen hat sich unter anderem Lavendel als sehr hilfreich erwiesen, da er entspannend und angstlösend wirkt. Die Patient:innen platzieren eine Kompresse mit einem Tropfen ätherischem Öl ihrer Wahl, auf ihren Nachttisch oder direkt neben sich. Sie atmen den zarten Duft ein und finden so leichter in den Schlaf.
Lavendelöl ist dabei nur eines von 23 ätherischen Ölen, die in der Aromapflege eingesetzt werden an den Verbundstandorten SWZ Schussenried, Weissenau und Zwiefalten sowie deren Satelliten. Seit vergangenem Jahr wird die Aromapflege auch am Standort Reichenau implementiert.
Wohlbefinden ermöglichen für einen Moment
„Aromapflege ist wohltuend und funktioniert – immer in Beachtung der individuellen Duftvorlieben.“, berichtet die Aromapflege-Koordinatorin Evelyne Stumpp, die am Standort Weissenau in der Suchtambulanz tätig ist.
„Unsere psychiatrischen Patienten sind oft in einer Ausnahmesituation und können Wohlbefinden – und sei es nur für einen kurzen Moment – sehr gut gebrauchen“, sagt sie im ZfP-Podcast „Yes, we care“ zum Thema Aromapflege.
„Wir erleben es immer wieder, dass Patienten kurz die Augen schließen und ein seeliges Lächeln auf ihrem Gesicht erscheint, und wir wissen, dieser Duft passt in diesem Augenblick genau zu diesem Menschen.“, erzählt Evelyne Stumpp.
Die positiven Effekte von Aromapflege
Aromapflege gehört zu den Verfahren der komplementären Pflege, die konventionelle Ansätze ergänzt. Sie behandelt also kein psychiatrisches Krankheitsbild, sondern unterstützt auf vielfältige und sehr individuelle Weise bei der Behandlung.
Dabei hat Aromapflege verschiedene Vorteile und positive Effekte:
- Sie kann zum Beispiel die Stimmung aufhellen und Symptome wie Angst, Angespanntheit oder Übelkeit lindern – und das nebenwirkungsarm.
- Außerdem kann sie für Patienten und Patientinnen Teil der Selbstfürsorge sein und die Achtsamkeit und Genussfähigkeit steigern.
Die Patienten und Patientinnen erleben sich damit als selbstwirksam und können sich so auch nach ihrer Entlassung selbst unterstützen.
Eine bewährte Methode
Seit 20 Jahren bietet das ZfP Aromapflege an, sie steht inzwischen auf allen Stationen und in Wohngruppen zur Verfügung. Das zeigt, dass sich die Pflegemethode bewährt hat.
Ihr hoher Stellenwert lässt sich auch daran ablesen, dass jeder ZfP-Standort eine Aromapflegekoordinatorin und jede Station eine Aromapflegeverantwortliche hat. Sie sind für das Bestellwesen und die korrekte Umsetzung verantwortlich und tauschen sich regelmäßig mit Kollegen und Kolleginnen aus.
Wie und warum wirkt Aromapflege?
Warum Aromapflege überhaupt wirkt, erklärt Helga Grell: „Die Menschen spüren, dass sie etwas geschenkt bekommen. Und das funktioniert nicht über die Kognition, sondern über das Riechen. Unsere Nase hat eine direkte Verbindung zum limbischen System, zu unseren Erinnerungen und unseren Emotionen. Darin liegt unser Erfolgsgeheimnis“, sagt die gelernte Altenpflegerin und Aromapflege-Koordinatorin. Sie ist in Bad Schussenried auf der Station für Depression und Borderline für die Umsetzung der Aromapflege zuständig.
Öle für verschiedene Bedürfnisse
Eine wichtige Rolle im Aromapflegekonzept des ZfP spielt „die Box“: eine hölzerne Kiste, die forensische Patienten und Patientinnen in der Schreinerwerkstatt in Handarbeit herstellen. Bestückt wird sie mit Karten, auf denen alles Notwendige vermerkt ist, um Aromapflege sicher und wirksam anzuwenden.
Pflegekräfte, die Aromapflege einsetzen möchten, finden in der Box unter anderem Karten zu 23 ausgewählten ätherischen Ölen mit praxisrelevanten Informationen zur sicheren Anwendung. „Bei einem Morgentief und als Stimmungsaufheller hilft etwa ein aktivierender Zitrusduft“, berichtet Helga Grell. „Lavendel, Tonka und Sandelholz sind gute Angstlöser, da kann man förmlich zusehen, wie Patienten sich entspannen“, fügt Evelyne Stumpp hinzu.
Die erdig duftende Angelikawurzel hingegen vermag auch buchstäblich zu erden und helfe, wieder „den Boden unter den Füßen zu spüren“, auch wenn ihr schwerer Geruch häufig im ersten Moment als „unangenehm“ wahrgenommen werde. Thymian, Eukalyptus und Pfefferminze können beispielsweise bei Schmerzen und Erkältungen hilfreich sein.
Neu hinzugekommen in der Box ist vor kurzem Rosenhydrolat oder „Rosenwasser“. Es versorgt trockene Haut mit Feuchtigkeit und kann auf die Psyche beruhigend wirken.
Auf Mensch und Menge kommt es an
Niemals aber werde ein Duft einem Patienten aufgedrängt. Wer sich für Aromapflege entscheide, könne zunächst an einem bedufteten Papierstreifen oder einer Kompresse riechen, um zu entscheiden, ob der Duft ihm oder ihr tatsächlich gefällt und guttut.
Auf den Stationen und in den psychiatrischen Wohngruppen werden die ätherischen Öle in der Aromapflege stets nur niedrig dosiert eingesetzt („viel hilft nicht viel“), niemals oral eingenommen und nur in Verbindung mit einem Basisöl auf intakte Hautstellen aufgetragen – oder eben etwa auf ein kleines Duftkissen. Auch Inhalierstifte stehen zur Verfügung. Und die ätherischen Öle werden in Verbindung mit Wasser andgewendet, also beispielsweise in Waschungen, Duschgel oder Badezusätzen.
„Wir haben uns bewusst gegen Fertigmischungen entschieden, weil wir die Patienten mit ihren unterschiedlichen Krankheitsbildern und Lebensgeschichten individuell und ganz persönlich erreichen möchten“, betont Helga Grell.
Naturrein versus chemisch
Dabei sei es wichtig, immer nur hochwertige, 100 % naturreine ätherische Öle zu kaufen. „Der Begriff ,natürlich‘ ist nicht geschützt“, erklärt Helga Grell. Bei solchen Ölen könne es sich um Mischungen oder komplett chemisch-synthetische Öle handeln, die das Risiko für Allergien mit sich brächten und auch nicht die Wirkung echter ätherischer Konzentrate haben.
„Echte ätherische Konzentrate sind die Essenz einer Pflanze, die sie entwickelt hat, um mit ihrem Umfeld zu interagieren“, erläutert Evelyne Stumpp.
Was etwa Fressfeinde oder Schädlinge auf Abstand halten soll, kann für den Menschen förderlich sein: „Das ist sehr charmant angewandte organische Chemie, die sich zudem nachweisen lässt, sie ist evidenzbasiert.“
Aromapflege hilft auch Männern
Und nein, Aromapflege ist keineswegs nur ein „Frauending“. „Es ist ein Mythos, dass Männer mit Duft nichts anfangen können“, sagt Evelyne Stumpp. Besonders eindrucksvoll ist ihr ein Mann in Erinnerung, der vor zehn Jahren erstmals stationär in der Psychiatrie war und noch gelegentlich vorbeikommt: „Jedes Mal klopft er bei mir an und sagt: ,Lavendel und ich – das ist immer noch toll.‘“