„Sich helfen zu lassen ist wirkliche Stärke“

Die Welt erlebt eine Vielzahl von Krisen, was gerade Menschen mit psychischen Erkrankungen zusätzlich belasten kann – aber nicht muss. Dr. Ljiljana Joksimovic, Psychotherapeutin und Chefärztin der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der LVR-Klinik Viersen, erklärt das Prinzip der Selbstwirksamkeit und warum weniger Medienkonsum heilsam sein kann.

 

Frau Dr. Joksimovic, leiden Menschen mit psychischen Erkrankungen noch mehr unter Ängsten angesichts von Corona, Krieg in der Ukraine, Klimawandel, dem schweren Erdbeben in der Türkei und in Syrien, hoher Inflation und steigenden Energiekosten?

Psychische Erkrankungen machen uns zunächst einmal anfälliger für weitere seelische Belastungen: Die eigenen Kräfte reichen irgendwann nicht mehr aus, um angemessen damit umzugehen. Trotzdem muss es nicht zwangsläufig so sein, es hängt von jedem Menschen und seiner Gesamtsituation ab. Leidet zum Beispiel jemand an einer chronischen Depression und einer Angststörung, befindet sich aber in Therapie und seine Lebenssituation ist stabil, wird er oder sie weniger zusätzliche Ängste und Verunsicherung empfinden als jemand, der keine oder nur eine unzureichende Behandlung bekommt und dessen Lebensumstände schwierig sind.


Mit welchen Sorgen aufgrund der aktuellen Krisen wenden sich Ihre Patientinnen und Patienten an Sie?

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Einige haben noch mehr Angst, insbesondere um ihre eigene Zukunft: ,Wenn das so weitergeht, was wird dann aus mir?‘ Menschen mit Migrationshintergrund, die selbst oder ihre Eltern oder Großeltern Krieg erlebt haben oder aus anderen Gründen geflüchtet sind, erfahren eine Retraumatisierung, weil die Ereignisse Teil ihrer Familiengeschichte waren: ,Wir sind geflohen, in Deutschland haben wir uns sicher gefühlt. Wo sollen wir jetzt hin?‘ Andere sagen aber auch: ,Ich lebe ohnehin mit Ängsten und Depressionen oder Schmerz. Wenn jetzt noch was obendrauf kommt, kann mich das nicht mehr erschüttern.‘ Und manche fühlen sich auch ein Stück weit entlastet, weil sie gesehen haben, wie ängstlich Menschen aus ihrem Umfeld, die als seelisch gesund gelten, auf die vielen Krisen reagieren: ,Jetzt haben sie verstanden, wie es mir mit meinen Ängsten geht.‘


Was kann man selbst tun, wenn man Ängste in sich aufsteigen spürt?

Wir müssen unterscheiden zwischen Ängsten, die eine Schutzfunktion haben und uns vor etwas warnen – vor Feuer etwa. Solche Ängste sind überlebensnotwendig. Und dann gibt es Ängste, die oft nur in der Vorstellung existieren, ständig auftreten und sich verstärken. Wenn jemand nur noch darüber nachgrübelt, was alles geschehen könnte und seinen Alltag nicht mehr lebt, dann hat das Krankheitswert. In diesem Fall ist es wichtig, Gefühle nicht zu tabuisieren, sondern sie wahrzunehmen und sich nicht für einen ,Schwächling‘ zu halten. Das ist nicht leicht, denn zwischenmenschlicher Kontakt und über sich zu sprechen, ist in unserer Gesellschaft ein Stück weit abhanden bekommen. Gefordert wird hingegen von uns, ,stark‘ zu sein und leistungsbereit. Wenn das aber nicht geht, sollte man Hilfe in Anspruch nehmen. Das wäre wirkliche Stärke.


Warum fällt es so schwer, sich Hilfe zu suchen?

Viele sagen mir, sie wollten ursprünglich allein mit ihren Beschwerden fertig werden. Ich antworte dann, dass sie ja allein zu mir gekommen sind, und dass der erste Schritt hin zur Hilfe auch eine eigene Leistung ist. Das ist besonders wichtig für psychisch kranke Menschen: Aufgrund ihrer Symptome ziehen sie sich oft von Familienmitgliedern, von Freundinnen, Freunden und Aktivitäten zurück, fühlen sich einsam und haben den Eindruck, an ihrer Situation nichts verändern zu können.


Welche Verhaltensweisen helfen im Alltag, mit den ständig präsenten Krisen zurecht zu kommen?

Vor allem gut für sich selbst zu sorgen. Dazu gehört, den Medienkonsum einzuschränken. Bei aktuellen Ereignissen reicht es oft, einmal am Tag die Nachrichten zu lesen oder zu sehen, ansonsten sogar nur alle paar Tage. Patientinnen und Patienten sagen mir oft, sie könnten nicht so tun, als ob in der Welt alles in Ordnung sei. Dass sie sich fast schuldig fühlten, und Nachrichten zu verfolgen das Mindeste sei, was sie tun könnten. Ich sage dann, dass es selbstverständlich wichtig ist, mit anderen mitzufühlen und sich zu engagieren. Wer es aber gewohnt ist, auch jenseits von Krisenzeiten, sich für andere aufzuopfern und deren Wohl über das eigene zu stellen, kann daran erkranken.

In der Therapie sprechen wir von achtsamer Selbstfürsorge und davon, die eigenen Grenzen wieder wahrzunehmen und zu beachten

 

Wie respektiert man die eigenen Grenzen – und Kräfte – besser?

In Zeiten großer globaler Umbrüche wie diesen ist es wichtig, mit sich selbst in Kontakt zu bleiben. Innezuhalten und sich fragen, wie es einem geht, was man für sich selbst tun kann, mit welchen Menschen man sich treffen sollte und mit welchen eher nicht: Reden andere nur von Katastrophen, fördert das nicht die eigene Zuversicht und das Vertrauen ins Leben. Solche bewussten Entscheidungen tragen dazu bei, dass man selbstwirksam bleibt.


Was bedeutet Selbstwirksamkeit angesichts von Krisen, auf die der Einzelne wenig Einfluss hat?

Oft fühlt es sich so an, als könne man selbst gar nichts tun und ist nur ein Opfer der Umstände. Dann ist es wichtig, Hilflosigkeit aushalten zu können und nicht als allzu bedrohlich zu erleben. Denn es gibt immer Möglichkeiten, durch die man selbst handlungsfähig ist und wieder wird. Eben zum Beispiel, indem man gut für sich sorgt. Wir können in einer Krise innerlich wachsen, sie kann auch sinnstiftend sein. Wenn ich etwa vorübergehend wenig Geld habe, kann ich mich fragen, welche anderen Wertsysteme, jenseits von Materiellem, können mich erfüllen? So erschließt man sich innere Möglichkeiten. Dadurch ändert sich im Außen nichts, aber unsere Einstellung zum Problem ist eine andere geworden und es geht einem besser damit. 

Zudem bleibt nichts, wie es ist, oft ergeben sich mit der Zeit neue Wege – im eigenen Leben und in der Gesellschaft.